Beiträge zum Thema ‘Kontrolle’
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Wie war ich? Zwischen Kontrollwahn und der Sehnsucht, loszulassen
Erinnern Sie sich noch: Nach außen der kontrollierteste Sportler der Welt, im Innern ein Ertrinkender – die Geschichte von Tiger Woods und seiner Sexsucht machte letztes Jahr heftige Schlagzeilen. Absturz, Klinik, Trennung …und so richtig scheint es auch noch nicht über den Berg zu sein. Aber mal abwarten …
Ich habe allerdings so meinen eigenen Blick auf die Zusammenhänge, die einen Mann in den Mahlstrom einer solchen Sucht treiben. Denn diejenigen Typen, die vor lauter Angst vor ihren eigenen Gefühlen eine Maske aufsetzen, haben meist gleichzeitig große Sehnsucht nach starken Gefühlen. Versetzen Sie sich doch mal kurz an Tigers Stelle:
Der beste Golfer der Welt spürt während der großen Turniere maximal, dass er existiert. Dort bekommt er hundertmal am Tag zurückgemeldet, wie toll er ist. Das tut gut: Ich lebe! Zwischendurch, wenn kein Publikum und keine Konkurrenz seine Existenz bestätigt, gähnt die große Leere. Da ist er dann fasziniert von den Frauen, hat aber gleichzeitig Angst vor ihnen – und kompensiert das in immer heftigeren Sex-Szenarien. Langsam, aber sicher geht er dann in seiner Sexsucht unter, vögelt sich um Kopf und Kragen, hat sein Leben im Inneren so wenig unter Kontrolle, dass er sich selbst womöglich alles zerstört und dann alles verliert. Die ersten Sponsoren springen ab, seine Frau springt ab – das Leben des Tigers steht auf Messers Schneide. Dabei steckt hinter all der Sucht die große Sehnsucht: Nicht mehr alles kontrollieren zu müssen. Sich endlich fallen lassen können. Spüren, fühlen, wohltuender Kontrollverlust. Kein Verstellen, keine Maske mehr – so geliebt werden, wie man ist, ob Männlein, ob Weiblein, ob stark oder schwach, gut oder schlecht, nur aus sich selbst heraus leben. Aber was, wenn Sie sich fallen lassen, und niemand fängt Sie auf? Wenn Sie auf diese Frage keine Antwort parat haben, schlägt die Angst zu, die Kontrolle zu verlieren und ins Bodenlose zu stürzen.
Unter anderem deswegen versuchen Männer, ihren Mann zu stehen, bis sie nach einem solchen durchgekämpften Leben flach in der Kiste liegen. Oder sie stellen nach dem Sex die postkoitale Frage: Wie war ich? – anscheinend haben sie keine Idee, wie es war und auf was es dabei überhaupt ankommt. Dann war es für sie nur eine weitere Flucht vor der Leere oder eine Bestätigung durch Leistung –ein echter Mann bringt es, wenn es drauf ankommt.
Zeit für eine kleine Selbstreflexion? Wie sieht‘s bei Ihnen aus mit den starken Gefühlen? Lassen Sie sie zu? Können Sie sich fallenlassen? Testen Sie doch mal, ob Sie sich nicht nur in die Augen schauen, sondern sich auch selbst in den Arm nehmen können. Das gibt Stabilität – von innen. Und dann braucht‘s weniger Bestätigung und Ablenkung von außen, wenn’s mal nicht so gut läuft. Probieren Sie’s aus …